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„Kondom des Grauens“

Interview mit Udo Samel, dem Star des Films


Unsere Reporter trafen Udo Samel kurz vor der Weltpremiere des Films "Kondom des Grauens" in seinem Hotel in Zürich.

CineNet: Was hat Sie an der Figur des Luigi Mackeroni fasziniert?

Udo Samel: Mich hat an Luigi Mackeroni vor allem seine Herkunft fasziniert und die Reise, die er tut. Dass für einen deutschen Film ein Sizilianer in New York Karriere macht fand ich eine wunderbare Verdrehung der Normalheit des deutschen Lebens. Er bringt eine sehr europäische, auch südländische Melancholie und Sentimentalität mit in seinen neuen Arbeitsbereich in das neue Land, in die Stadt New York. Das bestimmt auch den Blick wie er auf die Schattenseiten des Lebens draufblickt, wo er mehr arbeitet als auf den Sonnenseiten. Bestimmt durch seine Melancholie, bestimmt durch seinen nicht zynischen Blick und auch durch seine stille Verzweiflung, wie er über die Liebe redet, wie er aufgrund der Erfahrungen, die er gemacht hat, sich entschieden hat, doch relativ achtlos mit der Liebe umzugehen, wie das Brecht mal formuliert hat, und dann plötzlich, wenn ihm dann doch einen Begegnung passiert, um die er nicht herumkommt, das alles über den Haufen wirft. Auch sehr gut gefallen hat mir, dass die ganze Behauptung, dass Luigi keinen Menschen brauche an seiner Seite, dass die Liebe halt einfach nur eine Nummer sei, durch den Jungen am Schluss eine ganz andere Dimension bekommt. Was ich besonders schön finde ist, dass der Mensch am Ende vor einer Veränderung steht, dass er sozusagen aus seiner Haut heraus möchte und es wahrscheinlich auch schafft und kann. Zumindest kann er’s denken. Er ist ein Mensch der gerne isst, der auch gerne trinkt, er ist ein Mensch der das Leben verteidigt und für die Verteidigung des Lebens mit Sicherheit seine Beruf ergriffen hat.

C: Mackeroni ist doch im Grunde genommen eine tragische Figur?

S: So tragisch find ich die Figur nicht, weil er ja selber darüber reflektiert. Er weiss davon, er hat einen bestimmten Blick, er leidet darunter, nimmt es aber, genauso wie seine Homosexualität, völlig für normal, dass Menschen in einer Auseinandersetzung ihre Schwiegermutter zum Fenster hinauswerfen. Das ist für ihn ein ganz normales Verhalten von Menschen und er hat da keine grossen moralischen Schwierigkeiten.


Mackeroni nimmt seine Homosexualität völlig für normal

Natürlich will er das verhindern und wünscht sich das anders, insofern ist er auch ein moralischer Mensch, aber er weiss, dass es immer schwer ist, die Achtung vor den Menschen noch aufrecht zu erhalten, weil sie sich einfach wie Schweine miteinander verhalten. Dagegen steht sein Wesen, seine Figur und auch seine Homosexualität.

C: Haben Sie die Comic von Ralf König vorher schon gekannt, bevor Sie mit dem Film in Berührung kamen?

S: (lacht) Nein, aber ich habe sie sofort gelesen. Ich wollte sie immer lesen, weil ich durch einen Freund wusste, dass der Film „Der Bewegte Mann“ nach den Comics von einem Comiczeichner aus Köln, sozusagen einer Kultfigur der schwulen Subkultur, gezeichnet wurde. Ich lese lieber ein Buch und lasse meiner Fantasie Flügel wachsen durch Worte, die hintereinander stehen und nicht durch Bilder. Ich mag es gerne, wenn bei mir Bilder entstehen, aber mir haben diese Sachen von dem Ralf König sehr gut gefallen.

C: ...Sie haben Sie also später alle angeschaut?...

S: Ich hab sie alle gelesen, alle gekauft und Ralf hat mir auch noch Zeichnungen gemacht. Mir hat das bei der Arbeit für die Figur sehr viel geholfen, weil da natürlich ein ganz klares Bild von der Figur ist. Zumindest kann man eine Haltung drauf erkennen, kann davon eine Haltung abnehmen, kann sich einen Gang vorstellen. Man weiss genau, dass Luigi halt immer die Kippe im Mund hat und damit auch redet und es ihm völlig wurscht ist. Er muss sie nicht immer aus dem Mund nehmen, da fällt die Asche halt mal runter, das ist auch egal. Eine bestimmte Verhaltensweise, ein bestimmter Charakter der Figur ist ja ganz klar im Bild zu erkennen: Dass der Mensch aus Fleisch und Blut ist, dass er eine Seele hat. Selbst die Seele erkennt man in den Zeichnungen, finde ich, insofern ist der Ralf ein guter Comiczeichner. Aber es ist natürlich für einen Menschendarsteller etwas Anderes als wenn man diese Zeichnungen in Bewegung setzt. Es nutzt nicht nur, das Comic zu lesen, man muss sich auch Gedanken machen über die Empfindsamkeit, wie äussert sich das sozusagen in mir, mit mir, mit meinem Körper, mit meiner Stimme, mit meinem Lachen, mit meinem Weinen. Das ist ein ganz normaler Vorgang, so muss man als Schauspieler mit jeder Figur umgehen.

C: Was hat Ihnen an der Geschichte besonders gefallen?

S: Das ist natürlich die Verrücktheit, das Konstrukt der ganzen Geschichte, die sehr schräg ist und sehr verrückt. Die Behauptung, mit allen Klischees behaftet, ist doch sehr genau und, wenn man sie ernst nimmt, auch wahr und möglich. Das Unmögliche ist möglich. Jetzt kommt uns das alles lächerlich vor, aber wir wissen nicht, vielleicht werden wirklich irgendwann mal solche Tierchen lebendig, die wir irgendwie glauben, nur überstülpen zu müssen. Es ist alles vorstellbar. Man hofft ja auch irgendwie, dass wieder eine Zeit kommt, in der man die Sexualität auch ohne Plastiktüte betreiben darf. Mit diesen Ueberziehern hab ich Schwierigkeiten, muss ich ehrlich gestehen. Gottseidank bin ich ja schon so alt, dass ich es eine Zeitlang ohne tun durfte.


Mit den Kondomen hab ich Schwierigkeiten

C: Wie sind sie zur Schauspielerei gekommen, sie haben ja ursprünglich Slavistik und Philosophie studiert?

S: Angefangen, ja. Ich habe gemerkt, dass es meine Befähigung übersteigt, die Dinge nur vom Kopf zu begreifen. Ich muss mich bewegen, muss mich anders ausdrücken, und da war das für die letzten 20 Jahre doch der richtigere Weg, denke ich. Vielleicht komme ich noch mal auf einen anderen Gedanken. Aber im Moment macht es Spass, ich fühle mich wohl in meinem Beruf und ich liebe ihn, fast mehr als mich.

C: Wie kamen Sie zum Film? Es war ja bestimmt ein Risiko, in einem Film mit einem so provokativen Titel mitzuspielen?

S: Man sollte kein Risiko auslassen, um etwas Neues zu erfahren und auch die Menschen in Ihrer Sicherheit, wie sie einem beurteilen, ein bisschen verunsichern. Nichts liegt mir ferner, als in irgendeine Schablone geschoben zu werden und dann immer wieder aus einer Schublade herausgeholt zu werden. Deshalb mache ich gerne ganz unterschiedliche Sachen und möchte auch meine Fans ein bisschen verunsichern. Ich hoffe, dass sie mir dann trotzdem noch folgen. Zu dem Film bin ich gekommen, weil mich der Martin Walz anrief und mir zwei Fragen gestellt hat: „Hättest Du Lust, mit mir zu arbeiten, einen Film zu machen“, da hab ich „Ja“ gesagt. „Und könntest Du Dir vorstellen, einen schwulen Polizisten der New Yorker Polizei zu spielen?“. Da hab ich gesagt, „ich kann mir alles vorstellen, lass mich das Drehbuch lesen“. Dann hab ich das Drehbuch bekommen und mich entschieden, das zu machen. Dem hat offenbar keiner widersprochen und deshalb hab ich es gemacht. Wenn es ein Erfolg wird, werden die Produzenten sagen, sie haben es schon immer gewusst.

C: Wie war die Arbeit auf dem Set? Die Produktion war ja für deutsche oder europäische Verhältnisse relativ teuer. Der Film soll mehr als 6 Millionen DM gekostet haben.

S: Sie haben es ja selber gesagt: „relativ“. Bei dem Schubert-Film, den ich gemacht habe, hat es auch geheissen, er sei für deutsche oder österreichischen Verhältnisse sehr teuer. Es gab sogar das Gerücht, er sei so teuer, weil meine Gage so hoch sei. So ein Schwachsinn, so wenig Geld habe ich nie verdient (lacht). Es war mit Sicherheit nicht so wenig Geld da, aber es ist immer zu wenig Geld da. Mit mehr Geld hätte man bestimmte Sachen anders bauen können, zum Beispiel hätte man etwas stressfreier in New York drehen können. Aber man muss sich ja nicht beklagen. Mit dem, was wir da zustande gebracht haben, müssen wir zufrieden sein und da ist schon erstaunlich viel möglich gewesen. Und das erstaunlichste war, das muss man den Produzenten hoch anrechnen, dass sie sehr schnell die Qualität von dem Regisseur gesehen haben. Sie haben ihm den Raum gegeben haben, wenn er sich Zeit gelassen hat oder seinen Zeitplan nicht eingehalten hat. Die Zeit, damit das blühen kann, war einfach eine andere als die, die finanziell vielleicht günstiger gewesen wäre. Sie sind dem nachgegangen, sie haben Material nachgeschickt oder sie haben Sachen nachgedreht. Das ist ein gutes Zeichen, wenn das Produzenten tun. Mann kann natürlich immer auch meckern. Man kann sagen, es hätte noch mehr sein können.


Die Produzenten haben sehr schnell die Qualität des Regisseurs gesehen

Es war nicht der grösste Film, wir hatten teilweise nur ein Wohnwäglein da stehen, und manchmal hatten wir sieben Wohnwagen. Als ich mit Wim Wenders drehte, war das Ganze so amerikanisch aufgepustet, da hatten wir alle irgendwie ein Doppelzimmer als Wohnwagen.

C: Wie war denn die Arbeit mit Martin Walz im Vergleich zu Wim Wenders. Martin Walz hat ja nun mal noch nicht soviel Regieerfahrung wie Wenders?

S: Martin Walz hat „Die Wette“ gedreht, mit wunderbaren Schauspielern aus Tschechien, zum Beispiel mit dem Pan Tau-Darsteller. Das ist ein sehr schöner, stiller Film, der in einem Zug spielt. An dem Film sieht man schon die Qualität des Regisseurs. Ich würde mir nicht anmassen, Wim Wenders und Martin Walz zu vergleichen, weil jeder arbeitet ganz anders. Was den Martin auszeichnet ist, dass er sehr genau weiss, was er will, und die Schauspieler versucht, in aller Ruhe dahin zu führen. Er ist aber auch bereit in einer anderen Richtung zu denken und sich mit den Schauspielern zu bewegen, wenn er merkt, es geht nicht voll in die Richtung, die er sich vielleicht gewünscht hat. Das ist für einen jungen Regisseur ganz erstaunlich. Aber er ist vor allem gross in der Ruhe und der Geduld und in der Fähigkeit, in der Situation auszuhalten, bis sie sich von selbst löst. Das würde man älteren Regisseuren oft wünschen. Ich denke, der Martin wird mit dem Film eine neue Erfahrung machen und im nächsten Film aus diesen Erfahrungen lernen und das ist ein gutes Zeichen. Die Menschen sind ja nicht unbedingt im Uebermasse dazu befähigt.

C: Was bevorzugen Sie? Die Komödie oder das dramatische Fach?

S: Das kann ich schwer sagen. Mir macht es grossen Spass, Komödien zu spielen, aber vor allem da, wo man der Komödie den tieferen Ernst abgewinnt. Eine Situation ist ja meistens komisch, wenn andere über jemandem lachen, der sozusagen mit seinem Leben gar nicht fertig wird. Das komischste ist ja, wenn man zusieht, wie jemand auf der Bananenschale ausrutscht. Charlie Chaplin hat das ja zum Thema seiner Arbeit gemacht, und wenn er dann ganz gescheit ist, tritt er eben über die Bananenschale, dann hat er das Lachen auf seiner Seite. Aber das Lachen und das Weinen sind ja immer nicht weit voneinander entfernt. Zumindest die Feuchtigkeit wird ja in der gleichen Drüse produziert.

C: Glauben Sie, dass der Film den Geschmack des Publikums treffen wird?

S: Ich weiss nicht, was das Publikum ist, oder was der Geschmack des Publikums ist. Es sind ja immer viele Leute die zusammenkommen, die haben alle unterschiedliche Geschmäcker. Ich hoffe nur, dass wir mit unserem Film für alle etwas ansprechen, das sie bewegt, das ihnen Spass macht, auch Spass in einem Aerger über Sachen. Man kann sich manchmal auch an einer Provokation erfreuen. Der Film hat ja davon sehr viel und er geht damit aber nicht mit dem Vorschlaghammer um. Er will Leute nicht belehren, er behauptet auch nicht, dass er die Welt erklären könnte und er nimmt sich auch selbst nicht so wichtig. Ich hab jetzt nur mal heimlich eine Pressevorführung gesehen, ich habe Leute lachen gehört, und lachen gesehen. Ich weiss mittlerweile von Leuten, die gelacht haben und sich dann für das Lachen schämen, also man ist sich ja nie so sicher. Da ist natürlich Eure Arbeit auch ganz entscheidend, weil wir leben in einer Zeit, in der die Menschen überwiegend sehr verunsichert sind und ihrer eigenen Meinung auch nicht mehr so trauen.


Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen ihrer eigenen Meinung nicht mehr so trauen

Da hat der Film natürlich eine grosse Chance, weil keiner von denen traut seiner eigenen Meinung. Man kann das ganze natürlich auch von der Seite sehen, dass man es absurd und schlecht und blöd findet, das ist das Leichteste, das einfach weg zu meckern. Dann wäre es schade, dann wäre er weg, dann würde sich keiner mehr für interessieren. Ich weiss nur, dass es im „Prinz“ einen wohl ziemlich schlimmen Verriss von dem Film gibt, ich weiss von sehr guten Kritiken, aber es ist natürlich immer leichter, mit Leuten zu sprechen, die den Film gesehen haben und ihn mögen, da kann man anders reden und kann auch viel unverantwortlicher und viel riskanter miteinander reden. Nur es wird entscheidend sein, wie der Film jetzt in den ersten Besprechungen behandelt wird und wie er anläuft.

C: ...es scheinen sich ja zwei Fraktionen zu bilden...

S: Ja, aber das ist nicht schlecht. Ich finde eine kontroverse Geschichte sehr gut. Mich würde dann nur interessieren, welche Seite intelligenter darüber spricht (lacht).

C: Derzeit ist ja, nicht nur in Deutschland, eine regelrechte Welle von Filmen mit homosexueller Thematik festzustellen. Denken Sie, dass dieser Film zur Akzeptanz der Homosexuellen in unserer Gesellschaft etwas beitragen kann?

S: Das ist schwer, weil die Frage zum Ersten doch relativ allgemein ist und zum Zweiten, ich gar nicht alle Filme dieser Couleur gesehen habe. Meine Hoffnung ist natürlich, dass die gewonnene Normalität zum Verständnis untereinander mehr beiträgt, dass die ganze Sache eben nicht nur in ihrer Subkultur belassen wird. Die Homosexuellen haben sich da auch schon schwer eingerichtet, die fühlen sich da auch wohl. Es gibt mit Sicherheit auch eine Fraktion von homosexuellen Männern, die da gar nicht aus dieser Schmutzecke raus wollen, die haben sich da eingerichtet, fühlen sich da ganz wohl und haben die Möglichkeit, sich auf ganz „normalem“ Wege zu verlieben, schon ganz aufgegeben. Da sind sie Mackeroni in bestimmten Aspekten übrigens sehr nah. Aber ich denke, es ist an der Zeit, dass die Menschen sich fragen, wie sie ihre Sexualität leben, dass sie sie überhaupt leben und dass sie sich daraus nicht einen Knoten machen. Dass es die normalste und schönste Nebensache der Welt ist, dass es eine Notwendigkeit ist, um die wir nicht herumkommen. Es wäre schön, wenn wir wieder den Drang und die Lust und die Sehnsucht unseres sexuellen Empfindens koppeln könnten mit unserer Seele, unserem Herzen, mit unseren anderen Wünschen und Sehnsüchten, schön zu leben, besser zu leben, und wenn wir das nicht trennen müssten. Und dafür müssten wir die Filme genauer betrachten. Wenn man einen Film sieht, wo die Homosexuellen einfach in eine Ecke gestellt werden, wo man sich über sie lustig macht, sie als schönes Beiwerk oder Anhängsel sieht, kann das natürlich einen gegenteiligen Effekt haben.

C: Aber der Film zeigt ja in erster Linie Randfiguren, über die gelacht wird, die viele Leute nicht ernst nehmen?

S: Ich denke mal, dass der Film verschiedene Aspekte des Schwulendaseins zeigt, insofern ist es für mich in erster Linie gar kein „Schwulenfilm“. Es zeigt aber auch die Gegenseite, die Lächerlichkeit der Heterosexuellen. Manchmal habe ich in dem Film eher das Gefühl, dass „heterosexuell“ das Schimpfwort ist und nicht „homosexuell“. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass die Hauptfigur einfach so selbstverständlich seine Schwulität behauptet, da ist natürlich jeder Heterosexuelle daneben „anomal“. Und dann gibt’s da einfach die Variante von Sam, dem homophoben Kollegen, dem Schwulenhasser, der völlig in Bedrängnis kommt. Der ist von Peter Lohmeyer wunderbar gespielt. Sam ist ja viel mehr ein Abziehbild als Luigi, der schwule Bulle. Ich glaube, wir haben es auch als Couple ganz gut geschafft, weil ich komme da so normal daher und er macht ein Fass nach dem anderen auf. Normalerweise würde man ja erwarten, dass der Schwule mit grossen Gesten mit „huch“ und „hach“ sich aufgeregt und hysterisch verhält und der andere eben so der Macker ist, der coole Hetero, der überall fragt, wo er reinhalten darf. So ein Typ ist eigentlich der Sam, das spielt der Peter auch sehr gut. Trotzdem ist er natürlich viel hysterischer und viel verschreckter und lässt Bleistifte zerknallen. Das find ich einen ganz wunderbaren Gegensatz. Das ist auch das Schöne an dem Film, das ist eben nicht das Klischee, wie normalerweise ein Schwuler gezeigt wird oder wie schwules Leben gezeigt wird. Natürlich ist es kein Beziehungsfilm über ein schwules Ehepaar, das ist ganz klar, obwohl der Luigi sagt, manchmal hätte er Lust, dass irgendwer zuhause ist, wenn er nach Hause kommt. Dann passiert es, dann sitzt am Schluss der Junge einfach da, das ist wirklich wie in Hollywood, plötzlich sind wir in Hollywood.


Ich möchte lieber knutschen als tippen

Das passiert alles auf einer Hintertreppe, naja das gibt’s auch in Hollywood. Die Sachen finden ja alle auf eine andere Weise statt, als im üblichen Klischee und das ist eben nicht mit so einem fixierten Blick drauf. Ein schwuler Autor und ein nicht schwuler Regisseur haben sozusagen letztlich eine Geschichte von Schwulen und Nichtschwulen erzählt. Und da ist eigentlich nichts dran. Die katholische Kirche benimmt sich da ein bisschen daneben, das tut sie ja öfter. Da kriegt der Film eine andere Provokation, weil die sagen, was normal ist und was nicht normal ist. Und killen mit dieser Behauptung einfach abertausende von Menschen, entweder auf dem Scheiterhaufen, auf Kreuzzügen oder bei den Albigensern. Ich meine, das ist die möderischste Institution seit Menschengedenken. Und trotzdem ist sie heilig gesprochen und spricht Kriege heilig.

C: Was halten Sie vom Internet oder von den neuen Kommunikationsformen ganz allgemein?

S: Ich bin da ganz altmodisch. Für mich hat Begreifen mit Anfassen zu tun. Wenn ich einen Menschen sehe, dann möchte ich ihm in die Augen schauen, dann möchte ich ihn riechen. Ich halte nicht viel vom Internet, weil ich es nicht kenne, das ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich habe nur angst, wir kommen immer mehr dahin, dass wir uns hinter Apparaten verkriechen, um miteinander zu kommunizieren, statt aufeinander zuzugehen und uns die Lippen aufeinander zu drücken oder was auch immer. So wie das die alten Menschen auch getan haben. Ich möchte lieber knutschen als tippen.

C: Herr Samel, vielen Dank für das Gespräch

Das Interview führte Martin A. Blatter, Fotos von Daniel Schneider


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