Lost Highway
David Lynch meldet sich mit einem düsteren Meisterwerk zurück:
A psychogenic fugue.
von Robert Michl
Das kalte Grauen packt uns erst nach einer Drittelstunde: Im Stile einer
Exposition wird der Zuschauer langsam an die grausame Wahrheit (?)
herangeführt, wie die Ehe von Fred Madison (Bill Pullman: ID4, Spaceballs), einem Jazzer, und
seiner Frau Renée (Patricia Arquette: Beyond Rangoon, True
Romance), jäh zerbricht. Ein grauenhafter Mord wird an der Frau
verübt. Vermutlich durch Fred, vermutlich wegen Untreue. Natürlich
wandert er in den Knast und wird zum Tode verurteilt. 25 Jahre im
elektrischen Stuhl. In der Todeszelle jedoch geschieht die Wandlung - eine
Art Seelenwanderung - der Jazzmusiker verwandelt sich in Pete (Balthazar
Getty), den Automechaniker. Er wird entlassen, selbstredend kann man nicht
einen Unschuldigen zur Exekution schicken. Alice erscheint auf dem Plan,
aber sie sieht Renée zum Verwechseln ähnlich (auch Patricia
Arquette). Bleibt die Frage: «Sind die beiden dieselbe Person oder
nicht?». Die femme fatale führt den ahnungslosen Pete in
eine Welt von Gangstern, Pornographie und (hier schliesst sich der Kreis)
Mord.
 |
|
| Der eifersüchtige Jazzmusiker
|
Ein 21st Century Noir Horror Film
Vier Jahre ist es seit der letzten Produktion des Twin Peaks-Machers
David Lynch her. Jetzt meldet sich der visionäre Regisseur mit einem
unheimlich düsteren, aber für manchen wohl unverständlichen
Meisterwerk zurück: Lost Highway. Dabei ist es so einfach, wenn
man dem Geheimnis des Streifens auf die Spur kommt. Worum es geht, will uns
Lynch nicht verraten, denn er spricht nicht gern über seine Filme:
«Plot? Wenn man drüber reden könnte, müsste man gar
keinen Film drehen! Redet man darüber, so wird etwas Grosses klein
gemacht». Movies sind für Lynch wie Träume. Manchmal
Alpträume. Ich muss gestehen, dass ich nicht alles verstehe, aber das
mag ich. Diese Meinung teile ich mit Natasha Gregson Wagner (sie spielt
Sheila), denn irgendwie passt am Schluss alles zusammen, und man
begreift doch nicht ganz, wieso.
|
|
| Raider heisst jetzt Twix - Renée heisst
jetzt Alice
|
Nicht ohne Hochachtung bezeichnet sich Tarantino als Jünger Lynchs
Lost Highway ist ein typischer Lynch-Film. Seine Fans werden
tonnenweise Dinge aus früheren Werken wiedererkennen: den roten Vorhang
/ ein Paar, das in der Wüste am Autoradio rumfummelt / die
«schwarze Hütte» / den weissen Gartenzaun / blonde und
brünette Frauen als Gegensatz (TP, BV) / das Fernsehrauschen /
das mysteriöse Ins-Ohr-Flüstern / Feuer, um nur ein paar zu
nennen. Der jähzornige Mr. Eddy erinnert stark an Dennis Hopper in
Blue Velvet, der mysteriöse Mann an den Twin Peaks-Zwerg,
et cetera, et cetera. Eigentlich tönt Lost Highway wie ein
Roadmovie, aber das war Wild at Heart schon. Auch hier sei ein
Vergleich gestattet: in besonders brutalen Szenen lief damals auf der
Tonspur brachialer Heavy Metal (Powermad). Auch hier besticht der Streifen
durch einen tollen Soundtrack, allen voran Rammstein, die mit ihren
dunklen Texten (in deutsch!) das Horrorfeeling noch verstärken. Und
natürlich hatte Angelo Badalamenti (Twin Peaks) hier und dort
seine Finger im Spiel.
Ein surrealer Alptraum
Der Film und die Musik fahren voll ein. Eine einmalige Mischung
ausSpannung, Gefahr, dem Bösen und Sex. Eine geniale Atmosphäre!
Die typische lynchianische Nachtmahr, die sich hinter banalen amerikanischen
Vororten verbirgt. In kleinen aber feinen Rollen sind Henry Rollins,
Richard Pryor, Jack Nance (Pete aus Twin Peaks) und Gary
Busey zu sehen.
Achtung! - Vielleicht möchtest Du folgendes noch gar nicht
wissen!
 |
|
Slowdance im Terminator-Look
|
Etliche Kritiker sind Lynch auf den Leim gekrochen und haben es nicht
begriffen. In der Gefahr, etwas Grosses kleiner zu machen, verrate ich hier,
wie ich mir den Plot erkläre: Pete, den Automechaniker, gibt es gar
nicht. Ebensowenig wie Alice, die nur eine andere Instanz von Renée
darstellt. Alles bildet sich Fred Madison in der Todeszelle ein, um den Mord
zu verarbeiten. «Eine hochorganisierte Halluzination: Madison's mentale
Schöpfung». Der Schlüsselsatz ist: «I like to remember
things my own way. Not necessarily like they happened»*, als
Fred einem Detektiven erklärt, warum er Videokameras hasst. Vielleicht
ist er ganz einfach schizophren. Oder verrückt. Oder beides :) Die
Schuld am Mord weist er von sich (wie OJ :-) ). Er versucht damit alles
wieder gut zu machen, mit der Welt, mit seiner Frau. Aber sogar in seiner
Phantasie traut er ihr nicht. Lost Highway endet mitten in einer
Verfolgung auf dem Highway mit einem zuckenden Fred am Steuer. Vielleicht
bruzzelt er dann in Wirklichkeit schon im elektrischen Stuhl... Ein ver-
rückter Film.
*Ich möchte mich an Dinge auf meine Art erinnern. Nicht
unbedingt, wie sie passiert sind.
Kinoprogramme
Angaben zum Film
| Titel: | | Lost Highway (1996)
|
| Land: | | USA
|
| Genre: | | Thriller
|
| Bewertung: | |
|
|
|
| Regie: | | Lynch, David (I)
|
| Drehbuch: | | Gifford, Barry Lynch, David (I)
(nach einer Vorlage von )
|
| Produktion: | | Deepak, Nayar Sternberg, Tom Sweeney, Mary
|
| Koproduktion: | |
|
| Ausf. Prod.: | |
|
| Kamera: | | Deming, Peter
|
| Schnitt: | | Sweeney, Mary
|
| Musik: | | Adamson, Barry Badalamenti, Angelo Reznor, Trent
|
| Ausstattung: | | Norris, Patricia
|
| Kostüme: | | Norris, Patricia
|
| Besetzung: | | Pullman, Bill Arquette, Patricia Getty, Balthazar Blake, Robert Wagner, Natasha
|
|
|
| Länge: | | 135 Minuten
|
| Ton: | | Dolby SR-D
|
| Prod.-firma: | |
|
| CH-Verleih: | | Rialto
|
[ Homepage ]
Copyright © 1998 VERLEIH (Bilder)
Copyright © 1996, 1997, 1998 CineNet (Text)